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| Zeit stehlen ! |
Vorwort: Das Original dieser Geschichte eines
anscheinend unbekannten Autors behandelt den Teufel und seine Dämonen.
Märchenhaft, aber aus meiner bescheidenden Sicht unpassend für unsere
gesellschaftliche und kulturelle Situation. Also habe ich den Text umgedichtet.
Der Marketing-Guru hatte eine weltweite Versammlung einberufen. In der
Eröffnungsansprache sagte er zu seinen Managern: "Wir können die Menschen nicht
davon abhalten, ihr Leben zu genießen. Wir können sie auch nicht davon
abhalten, Bücher zu lesen und dadurch ihr Leben besser zu verstehen.
Wir
können sie aber davon abhalten, daß sie persönliche Beziehungen voller
Liebe zu ihren Mitmenschen entwickeln und beibehalten. Wenn ihnen das gelingt, ist unsere
Macht über sie gebrochen. Und wenn sie lieben, sind wir in Gefahr. Also, laßt
sie mit ihren Freunden und Verwandten zusammen sein.
Laßt ihnen ihren
Lebensstil, aber stehlt ihre Zeit, so daß sie keine Liebesbeziehungen zu ihren
Mitmenschen aufbauen können - und auf keinen Fall - miteinander reden! Das ist mein
Auftrag an Euch, Manager für weltweites Marketing. Lenkt sie davon ab!"
"Wie sollen wir das anstellen?" fragten seine Manager.
"Beschäftigt sie
ständig mit der ganzen Fülle unwichtiger Nebensächlichkeiten des
alltäglichen Lebens und denkt Euch immer wieder etwas Neues aus, um ihre Gedanken zu
beherrschen ", antwortete der Marketing-Guru. "Verleitet sie dazu, daß sie viel
Geld ausgeben, viel Materielles verbrauchen und verschwenden, viel ausleihen und auch
vieles ausborgen. Überredet die Ehefrauen, sich ganz auf ihren Job zu konzentrieren
und unendliche Stunden an ihrem Arbeitsplatz zu verbringen. Reduziert die Löhne so
stark, daß alle jede Woche fünf, am besten sechs Tage arbeiten müssen,
jeden Tag 10 bis 12 Stunden. Nur so können sie sich ihren sinnlosen Lebensstil
leisten.
Haltet Väter und Mütter davon ab, Zeit mit ihren Kindern zu
verbringen, ihnen zuzuhören und mit Ihnen zu reden. Wenn ihre Familien
schließlich auseinandergebrochen sind, wird ihr Zuhause ihnen keinen Schutz mehr
bieten. Stopft ihre Köpfe so voll, daß sie ihre innere Stimme nicht mehr
hören können. Verführt sie dazu, ständig das Radio oder den
mp3-Player einzuschalten, wenn sie unterwegs sind. Seht zu, daß unermüdlich
der Fernseher, der DVD-Player, der CD-Player und die Computer in ihrer Nähe laufen.
Und paßt auf, daß in keinem Geschäft und in keinem Restaurant dieser
Welt irgendwann während des Tages oder der Nacht etwa eine schöne und
harmonische Musik zu hören ist, bombardiert sie vielmehr mit zotiger und
aufpeitschender Musik, so laut ihr könnt. Das wird allmählich ihre Gedanken
vergiften, und die Einheit und Verbundenheit mit Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen
zerstören.
Überschwemmt die Frühstückstische mit Zeitungen
und Zeitschriften. Hämmert ihnen 24 Stunden lang am Tag die neuesten Nachrichten
ein. Bedeckt die Straßen mit Schildern und Plakaten für irgendwelche Produkte,
und redet ihnen ein, daß sie diese unbedingt zum glücklich sein brauchen.
Überflutet ihre Briefkästen mit Werbung, mit Angeboten von Gratis-Produkten und
Diensten, die falsche Hoffnungen wecken. Bildet in den Zeitschriften und auf den
Titelseiten schöne, gut geformte Männer und Frauen ab, damit die Ehe- und
Lebenspartner immer mehr glauben, daß äußere Schönheit entscheidend
ist und sie ihre Partner nicht mehr attraktiv finden. Auch das wird dazu beitragen, die
Familien ganz schnell zu zerstören.
Laßt sie auch nicht im Urlaub zur
Ruhe kommen. Gebt Euch alle Mühe, sie ständig abzulenken und zu
beschäftigen, so daß sie erschöpft und voller Unruhe zurück zu ihrer
Arbeit gehen. Seht zu, daß sie sich nicht durch Spaziergänge und Wanderungen
an der Natur erfreuen und auf keinen Fall etwa die Schönheiten der Natur wahrnehmen.
Schickt sie statt dessen in Vergnügungsparks, Discos, zu Sportveranstaltungen,
Konzerten und ins Kino. Euer Ziel muß sein, daß sie beschäftigt,
beschäftigt und noch einmal beschäftigt sind, daß sie bloß keine
Zeit mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und in liebevollen Beziehungen verbringen.
Und wenn sie sich mit anderen Menschen treffen, dann laßt sie nicht
über Liebe sprechen, sondern reizt sie an zu Mobbing, Klatsch und Small Talk, so
daß sie sich mit einem schlechten Gewissen und unguten Gefühlen verabschieden.
Vor allem sage ich euch immer wieder, haltet sie davon ab, daß sie Zeit finden,
miteinander zu reden. Sie sollen nur übereinander reden, am besten über die,
die gerade nicht anwesend sind. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute harmonisch
zusammensitzen und sich am Leben erfreuen!
Laßt ja nicht ab in Euren
Bemühungen. Sie müssen immerzu beschäftigt sein, damit sie keine neuen
Kontakte knüpfen und neue Freunde gewinnen können. Liefert ihnen für
diesen angeblichen Mangel an Zeit so viele gute Entschuldigungen, daß sie keine
Kraft mehr aus ihren Freundschaften und Liebesbeziehungen schöpfen. Bald werden sie
aus ihrer eigenen Kraft leben und ihre Gesundheit, ihre Familie und Freunde für die
Sicherheit, das Ansehen vor der Welt und ein gutes Gehalt opfern. Es wird funktionieren!"
Es war ein tolles Treffen. Die Manager flogen zurück in ihre
Heimatländer, um die Menschen überall auf der Welt noch mehr als bisher zu
beschäftigen, um sie rastlos und ruhelos zu machen, ihnen noch mehr
einzuflüstern, sie müßten hierhin und dorthin rennen.
Autor dieser Variante: Hans Kolpak
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